Zwischenrufe aus Übersee

Wie ein Europäer den Alltag an der US-amerikanischen Ostküste erlebt.
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­Leben in der Simulation

Wirklichkeit ist nichts anderes als eine Computersimulation, sagen nicht nur Spinner aus der Sci-Fi-Szene, sondern auch ernsthafte Wissenschafter. Washington liefert starke Argumente für die These.

Elon Musk, der Tesla-Gründer, vertritt die These und ernsthafte Wissenschafter schließen sich dem an, was Nick Bostrom, der Oxford-Professor, 2003 das erste Mal formulierte.

Wenn es alte, technologische Zivilisationen im Universum gibt, und wenn diese Computersimulationen entwickeln, dann muss es eine enorme Anzahl simulierter Realitäten geben, bevölkert von künstlich intelligenten Wesen, die nicht die leiseste Ahnung haben, dass sie in einer erfundenen Welt leben. Wir gehören dazu.

Für Bostrom ist klar: Wenn es Wesen höherer Intelligenz gibt, dann leben wir mit ziemlicher Sicherheit in einer Computersimulation. Mit anderen Worten:  Die Gscheiterln aus dem All machen sich ihren Spaß mit uns und wir merken es nicht einmal.

NBC-News zitiert den Computer-Wissenschafter Scott Aaronson von der Universität von Texas: »Fehler in der Programmierung unseres Universum wären – wie in den Matrix-Filmen – ein beobachtbarer Hinweis auf eine Simulation.« Ungereimtheiten im Programmverlauf, Schlampigkeiten der Entwickler, die sich auf das Sichtbare konzentrieren, aber dort nachlässig werden, wo sie glauben, dass keiner hinschaut, könnten uns dabei helfen, herauszufinden, ob an Bos­troms These etwas dran ist. Die Simulation offenbart sich durch ihre Schwachstellen.
In Washington läuft im Moment ein  großangelegtes Experiment in Sachen Simulation, genannt Impeachment.

Die Demokraten glauben, dass sich die Entwickler unserer Welt nur geirrt haben können, als sie 2016 den Orangen-Mann ins Weiße Haus gesetzt haben. Sie fahren jetzt, was Software-Entwickler ein Debugging nennen. Die 2016 eingefügten Code-Zeilen sollen gestrichen werden, weil kein Programmierer einer Simulation, der sein Geld wert ist, so perfide mit der Menschheit umspringen könne, dass er jemanden zum mächtigsten Mann der Welt macht, der offensichtlich dafür völlig ungeeignet ist. Entweder der Entwickler war betrunken, eingeraucht oder ihm war so langweilig, dass er eine halblustige Wendung beschloss. Schluss mit den respektablen Präsidenten, zu denen man aufschauen konnte, die in der Lage waren, moralische Imperative zu formulieren und so etwas zu mimen wie das Vorbild einer ganzen Nationen, einer ganzen Welt. Wer von Abraham Lincoln über Theodor Roosevelt, John F. Kennedy und Barack Obama zu The Donald kommt, kann es nicht ernst meinen.  

Debugging-Projekt Impeachment
Mit Donald J. Trump war die Antithese der Vaterfigur geboren, der laute, pöbelnde Chef, der herzieht über alle, die sich ihm widersetzen, sie klein macht und wie ein Halbstarker nur den Modus des Imponiergehabes kennt.

Adam Schiff, der demokratische Chefankläger, will Debugging um jeden Preis, auch wenn das heißt, dass die ganze Gründungslegende der Founding Fathers über Bord geworfen werden muss.

Das Konstrukt, das sich James Madison, Alexander Hamilton und Thomas Jefferson in den Gründungspapieren der Union ausgedacht haben, kann keine Bedeutung haben, wenn es am Ende zu einer Figur führt, die jetzt im Weißen Haus sitzt, sagen Schiff und Co. Gewaltenteilung ist obsolet,  es regieren die Gralshüter, ein faires Verfahren mit Rechten des Angeklagten ist null und nichtig.

Wer jemanden wie Donald Trump zum Präsidenten macht, hat seine Glaubwürdigkeit als Erschaffer verspielt und kann nicht mehr ernst genommen werden.  Die Simulation hat ausgedient, die Demokraten erschaffen eine neue.
Bostroms Mastermind muss wirklich Sinn für Humor haben, deshalb hat er nicht eine Simulation gemacht, sondern zumindest eine zweite für die Republikaner. Die Welt der einen hat mit der Welt der anderen nichts zu tun. Im republikanischen Senat mag man The Donald zwar auch nicht und hätte liebend gerne einen Grund, den Immobilientycoon aus Absurdistan zu entsorgen, aber die Traditionalisten halten fest an der  bisherigen Erzählung und der Dreifaltigkeit aus Madison, Hamilton und Jefferson, die ein Konstrukt entwickelt haben, das den Wähler gleich drei Mal entscheiden lässt über Repräsentanten, Senatoren und den Präsidenten.

Alle drei Gewählten haben begrenzte Macht und kontrollieren einander, keiner kann den anderen so einfach abberufen, es sei denn aus ganz wichtigem Grund, wie Hochverrat zum Beispiel.  Madison-Hamilton-Jefferson haben eine Realität geschaffen, in der der Wähler Gewählte gegen Gewählte ausspielen kann. Ganz schön raffiniert und das von Leuten, über die man vieles sagen kann, nur eines nicht: Sie waren keine Computer-Programmierer und haben mit Sicherheit keine Simulation erfunden, sondern der Realität ins Auge geschaut und die Schwächen der politischen Akteure erkannt. Die Machtgier des einen durch  die Machtgier des anderen zu begrenzen, ist ein gefinkelter Schachzug und  stammt aus einer Zeit, in der sich die Frage, ob Wirklichkeit wirklich ist oder nur simuliert (und wie oft), mit Sicherheit nicht gestellt hat. Was für eine schöne, alte Welt.

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